IMG_0611

Aus Erfahrung weiß ich, dass eine der größten Hürden, die viele von uns daran hindert, eine Auszeit zu nehmen, das liebe Thema Geld darstellt. Wir alle sind davon abhängig. Wir müssen Miete, Brötchen, etwaige Verträge und Freizeit irgendwie finanzieren. Einer der wenigen Vorteile im Angestelltendasein ist definitiv das sichere und regelmäßige Einkommen. Ich selbst, die ich viele Jahre in der Konzernwelt tätig war, kann vom regelmäßigen, guten Einkommen und den Sozialleistungen ein Lied singen. Auch mein größtes Hemmnis war in all den Jahren die Sorge, ob und wie ich mich während und nach der Auszeit finanzieren könnte.

Ich bin keine Millionärstochter oder -gattin, und die Ersparnisse auf meinem Konto reichten zum Zeitpunkt meines Ausstiegs gerade einmal, um knapp ein Jahr lang weiterhin ein gutes Leben führen zu können.

Aber hier kommen wir auch schon zum springenden Punkt. Was bedeutet es denn eigentlich, ein gutes Leben zu führen?

Besinnung auf das Wesentliche – Die Rückkehr zum minimalistischen Leben

Wer eine berufliche Auszeit anstrebt und keine Million auf dem Konto hat, sollte sich im Vorfeld zweifelsohne mit seinen Finanzen und dem eigenen Konsumverhalten kritisch auseinandersetzen. Ich rate niemandem, sich vom Beruf eine Auszeit zu nehmen, der verschuldet ist oder dessen Konto gerade so ausbalanciert ist. Ich selbst habe mit meiner Auszeit gewartet, bis ich meine Schulden aus dem Studium zurückbezahlt hatte und ein kleines, aber feines finanzielles Polster auf meinem Konto vorweisen konnte, das mir meine Existenz für einen gewissen Zeitraum zuverlässig sichern würde. Darüber hinaus hatte ich bereits gut ein Jahr vorher „geübt“, mit weniger auszukommen, als es für mich ohnehin bedurfte. Beim kritischen Blick auf meine Ausgaben habe ich viel Einsparpotenzial entdeckt, ohne dass meine Lebensqualität an irgendeiner Stelle gemindert wurde. So ist das Weniger-ist-mehr-Prinzip inzwischen mehr denn je zu einer wesentlichen Überzeugung für mich und meine Lebensgestaltung geworden.

Was ein gutes Leben ausmacht ist relativ und hängt auch von Faktoren wie Herkunft, Vergangenheit, sowie ganz individuellen Vorstellungen ab. Für mich persönlich stellen materielle Werte – etwa der Besitz einer Immobilie, eines Autos, der aktuellsten Version eines Smartphones – keine Komponenten des guten Lebens dar. Ich begründe mein persönliches Glück eher im zwischenmenschlichen sowie im geistigen Bereich und suche nach tiefgehenden Erfahrungen, statt Besitzgütern und oberflächlichen Erlebnissen.

Der Verzicht auf Konsum und die freiwillige Entscheidung, ein regelmäßiges Einkommen auf unbestimmte Zeit erst einmal gegen Freiheit einzutauschen, hat mir den Weg zu ungeahnten Erkenntnissen über mich und mein Leben geebnet. Ich stelle alles um mich herum in Frage und erlange ständig neue Einsichten. Während für mich zum Zeitpunkt meines Ausstiegs feststand, dass ich irgendwann wieder unter ähnlichen Bedingungen arbeiten würde, bin ich mitlerweile soweit, dass ich das Selbstvertrauen und die Kreativität entfaltet habe, alternative Wege zu entwickeln, mit denen ich mein Geld verdienen kann. Auch habe ich inzwischen die Erfahrung gemacht, dass ich mit noch weniger Geld auskommen und dennoch oder gerade deswegen ein erfülltes Leben führen kann.

Über das Verlernen von Wertschätzung

In einer Zeit, in der jeder Abiturient zum Zeitpunkt seines Schulabschlusses bereits mindestens einen längeren Auslandaufenthalt in Übersee im Lebenslauf stehen und ein eigenes Auto hat, wo jeder von uns die Ausstattung mit teuren technischen Geräten wie Laptop, Smartphone, Flachbildfernseher und Digitalkamera als Selbstverständnis betrachtet, wo unsere Straßen ständig verstopft sind, da jeder Haushalt über mindestens ein Auto verfügt, ist es nicht verwunderlich, dass Wertschätzung und das Setzen von Prioritäten im Leben erst wieder erlernt werden müssen. Die sogenannte Generation Y ist nicht nur in völliger materieller Sicherheit, sondern geradezu im vielerorts maßlosem Überfluss aufgewachsen. Verzicht ist zum Fremdwort geworden. Eine freiwillige finanzielle Einschränkung hat die wertvolle Begleiterscheinung, dass wir den Dingen wieder den nötigen Wert einräumen und dass wir neu erlernen, uns in Geduld zu üben. Geduld, da man nicht gedankenlos den virtuellen Warenkorb vollräumt und darauf vertraut, dass der Dispo diesen Monat noch nicht ganz ausgeschöpft ist. Gibt es in unserer Gesellschaft eigentlich noch Menschen, die bewusst auf etwas hin sparen? Die sich nicht jedes Jahr mindestens eine Fernreise gönnen, nur weil sie es können? Die von einem Urlaub lange zehren, denen die Anschaffung einer hochwertigen Kamera lange Freude bereitet?

Die bewusste und freiwillige Reduzierung von Ausgaben verändert auch deine Haltung gegenüber Konsumgütern, da du automatisch beginnst, Prioritäten zu setzen. Du hinterfragst jeden Kauf, jeden Flug, den du buchen möchtest, jede Konzert- und Kinokarte. Du wirst wieder merken, worauf es dir in deinem Leben wirklich ankommt. Du wirst dir selbst somit näher kommen und Raum für sinnstiftende Tätigkeiten schaffen.

Das Schlimmste, was passieren kann

Der erste Monat, in dem kein Geld mehr auf mein Konto einging, war in der Tat befremdlich. Dennoch hatte ich mich schnell daran gewöhnt und ich habe inzwischen die Zuversicht, dass das Leben immer weiter geht. Zum jetzigen Zeipunkt kann ich noch keine Aussage darüber machen, wo mich meine Auszeit hinführen wird. Aber: Wenn mein Konto leer ist, was ist das Schlimmste, was passieren kann? Da ich es frühzeitig kommen sehen werde, werde ich mir wieder einen Job suchen. Wenn es nicht der Traumjob auf Anhieb werden sollte, bin ich mir nicht zu schade dafür, auf der Karriereleiter eine Sprosse rückwärts zu gehen oder gar für den Übergang in einem netten Café zu kellnern. Es gibt immer einen Weg und es gibt unzählige Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, ob wir dazu bereit sind, im schlimmsten Fall unsere Prioritäten herunterzuschrauben.

Die Finanzierung einer beruflichen Auszeit stellt also eine durchaus überwindbare Hürde dar. Entscheidend ist, dass du dir ein entsprechendes finanzielles Polster ansparst, mit dem du beruhigt leben kannst, denn was nützen dir Freiheit und Selbstbestimmung, wenn du aufgrund von Existenzängsten schlaflose Nächte leidest? Unabhängig von der Höhe deines Kontostands lohnt es sich in jeder Hinsicht, das eigene Konsumverhalten zu reflektieren und eine klare Übersicht über deine regelmäßigen Ausgaben zu haben. Das Wichtigste jedoch ist, dass du die Hürde in deinem Kopf abbaust und dich von deinen Zweifeln befreist, indem du dir immer wieder ausmalst, was das Schlimmste ist, das dir zustoßen kann, wenn vorerst kein Geld mehr auf dein Konto eingeht. Selbst wenn du deiner Phantasie und Vorstellungskraft absolut freien Lauf lässt, wirst du merken, dass es immer eine Lösung für dich geben wird. Wennn du soweit bist, empfiehlt es sich auch, eine Gegenüberstellung zu machen und dir im nächsten Schritt auszumalen, was das Beste ist, das dir in einer beruflichen Auszeit passieren kann. Spätestens jetzt wirst du merken, dass die Liste der möglichen positiven Entwicklungen weitaus realistischer und schlagkräftiger ist als die möglichen worst case Szenarios.

 

Wie schaut es bei dir aus?

Lebst du schon den Traum der Auszeit oder zweifelst du noch?

 

 

Auszeit und das liebe Geld

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *