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Arbeiten und Sabbatical im Wechsel klingt spannend? Auszeit Expertin Corinna verrät uns im Interview, wie sie es schafft, dieses Lebensmodell zu verwirklichen.

Liebe Corinna, verrate unseren Lesern kurz wer du bist!

Ich bin 36 Jahre alt, lebe in Frankfurt am Main (und liebe diese Stadt), und bin gelernte Physiotherapeutin und studierte Sozialpädagogin. Außerdem bin ich ein großer Vespa-Fan, liebe das Reisen und bin seit meiner letzten Auszeit glücklich mit einer Südafrikanerin liiert! 🙂

Du warst seit Deinem Studium bereits viermal für längere Zeit im Ausland und hast dafür zweimal einen festen Job gekündigt. Wie kam es dazu und wie hast du diese Zeiten gestaltet?

Das Reisen habe ich für mich relativ spät entdeckt. Nach Abschluss meines Studiums 2009 war ich 3 Monate auf eigene Faust unterwegs, in Japan, Neuseeland und Australien. Eine unvergessliche Zeit! Schon damals war mir klar, dass das nicht meine letzte Auslandserfahrung sein sollte.

2012 startete ich in mein zweites Auslandsabenteuer. Ich reiste mit einer US-amerikanischen Austauschorganisaton für Fachkräfte aus dem sozialen Bereich nach Massachusetts und absolvierte ein Traineeship in einer Schule für Kinder mit Autismus. Meine Motivation hierfür war das Interesse an dieser Thematik sowie der Wunsch, die Strukturen sozialer Institutionen für behinderte Menschen in den USA näher kennenzulernen.

Glücklicherweise hat mich mein damaliger Arbeitgeber in meinen Plänen voll unterstützt und mich für 1 Jahr unbezahlt von der Arbeit freigestellt. So konnte ich mich darauf verlassen, meinen bisherigen Job nach meiner Rückkehr wieder antreten zu können, was mich in finanzieller Hinsicht natürlich sehr beruhigt hat.

Die Arbeit mit den zum Teil schwerstbehinderten Kindern war so kräftezehrend, dass ich das Traineeship nach 3 Monaten auf eigenen Wunsch abgebrochen habe. Da meine ursprünglichen Pläne nun völlig über den Haufen geworfen waren und ich nach dieser „Niederlage“ nicht sofort wieder nach Deutschland zurückreisen wollte, überlegte ich, wie ich meine Auszeit dennoch zu einem positiven Abschluss bringen könnte. Mit einem kleinen „Umweg“ über Australien und einem 3-wöchigen Stop in Thailand kehrte ich erst nach weiteren 3 Monaten wieder nach Deutschland zurück.

Glücklicherweise konnte mein Arbeitgeber meine Auszeit von den geplanten 12 auf 6 Monate verkürzen und ich kehrte früher als geplant an meine Arbeitsstelle zurück.

Nach über 5 Jahren in der gleichen Firma beschlich mich Ende 2013 schließlich das Gefühl, dass ich mich beruflich verändern möchte, und was könnte ein besseres Sprungbrett für eine Auszeit sein, als ein geplanter Jobwechsel?

Ich kündigte und reiste dann mit dem Plan, mir nach meiner Rückkehr eine neue Tätigkeit zu suchen, für 3 Monate nach Südafrika, um ein privates Vorschulprojekt für sozial benachteiligte Kinder auf einer Farm irgendwo im Nirgendwo ehrenamtlich zu unterstützen. Es waren drei tolle Monate, die ich noch sehr lange in Erinnerung behalten werde.

Nach meiner Rückkehr fand ich relativ schnell eine neue Arbeitsstelle, merkte jedoch nach anderthalb Jahren, dass ich dort auf Dauer nicht glücklich werden würde und zog die Reissleine. Nach meiner Kündiung kehrte ich aufgrund von „Heimweh“ noch einmal auf die Farm in Südafrika zurück und bereiste mit meiner Freundin, die ich während meiner Zeit dort kennengelernt hatte, noch ein wenig das Land, inklusive Abstecher nach Namibia.

Nach 6 Monaten bin ich nun wieder in Deutschland und seit Kurzem auf Jobsuche, die sich bisher vielversprechend gestaltet!

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Was waren deine größten Sorgen und Zweifel bei der Entscheidung für die Auszeit? Und wie hast du diese überwunden?

Als ich das erste Mal verreist bin, habe ich mir um viele Dinge Gedanken gemacht: Wird mein Geld reichen, komme ich alleine zurecht, was ist, wenn ich ausgeraubt werde? Unter anderem war meine größte Sorge, dass während meiner Reise etwas Unerwartetes passieren könnte, dass ich ernsthaft krank werden oder einen Unfall haben könnte, oder dass zu Hause etwas vorfallen könnte, während ich weit weg wäre. Von all dem ist nichts dergleichen passiert. Vor der ersten Reise war ich übervorsichtig, habe alle wichtigen Dokumente eingescannt und doppelt und dreifach abgespeichert. Mit der Zeit wird man entspannter. Was nicht heissen soll, dass ich mich nicht auf meine Reisen vorbereite, denn manche Dinge sollte man wirklich vorher absichern.

Neben der Lücke im Lebenslauf sind es insbesondere finanzielle Sorgen, die Menschen davon abhalten, sich auf bestimmte oder unbestimmte Zeit eine Auszeit zu verwirklichen. Wie bist du mit dem Thema Geld umgegangen?

Für meine erste Reise nach meinem Studium musste mein damals fällig gewordener Bausparvertrag dran glauben. 🙂 Dieser hat auch so ziemlich auf den Cent genau für 3 Monate gereicht, inklusive Flugtickets.

Bei meinen anderen Reisen habe ich immer versucht, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, also nicht nur zu reisen, sondern auch zu arbeiten.

In den USA habe ich für meinen Job an der Schule ein monatliches Gehalt bekommen, in Südafrika habe ich für Kost und Logis gearbeitet.

Außerdem habe ich meine Mietwohnung während meiner Auslandsaufenthalte immer untervermietet, um meine monatlichen Fixkosten zuhause abdecken zu können.

Allerdings verfüge ich auch über ein paar Ersparnisse, die ich das ein oder andere Mal anzapfen musste. Jedoch versuche ich grundsätzlich, meine Auszeiten über mein „normales“ Girokonto und somit über mein reguläres Einkommen zu finanzieren.

Ich glaube, dass Auszeiten und Reisen über längere Zeit fast unmöglich sind, wenn man nicht über eine finanzielle Reserve verfügt. Denn für unerwartete Ereignisse sollte man immer gewappnet sein.

Man sollte nie plötzlich mit Nichts dastehen!

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Bei manchen Reisen liegt die größte Herausforderung im Zurückkommen. Welche Erfahrungen hast du gemacht, als du nach den Auszeiten wieder ins Arbeitsleben zurück gekehrt bist?

Bei meinen ersten zwei Auslandsaufenthalten wusste ich bereits vor meiner Abreise, dass ich nach meiner Rückkehr wieder eine feste Arbeitsstelle haben werde. Insofern musste ich mir in diesen Fällen keine Gedanken machen, wie es nach meiner Heimkehr beruflich weitergehen würde.

Jedoch hatte ich die letzten beiden Male meinen festen Job jeweils komplett gekündigt, bevor ich ins Ausland startete. Natürlich ist es immer erstmal ein wenig „deprimierend“, wenn man von seinem Abenteuer in heimatliche Gefilde zurückkehrt und einer der ersten Gänge überhaupt zum Arbeitsamt führt. Da kommt man nämlich plötzlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück!

Ich glaube, niemand fühlt sich wohl dabei, Arbeitslosengeld zu beantragen. Doch natürlich haben die wenigsten genug finanzielle Rücklagen, um darauf verzichten zu können. Klar wollen wir alle wieder möglichst schnell zurück ins Arbeitsleben. Schon allein aus finanzieller Sicht. Jedoch ist der Gedanke beruhigend, dass man bis dahin zumindest einen gewissen finanziellen Ausgleich bekommt. Zum Glück arbeite ich in einer Branche, in der es recht viele Jobangebote gibt, insofern machte ich mir nie zu große Sorgen, dass ich für längere Zeit arbeitslos sein könnte. In anderen Berufsfeldern braucht man vielleicht einen längeren Atem.

Bei Vorstellungsgesprächen wurden meine Auslandserfahrungen übrigens immer sehr positiv gewertet, auch wenn sie mit meinem zukünftigen Job überhaupt nichts zu tun hatten. Anscheinend beweisen solche Erfahrungen Arbeitgebern, dass jemand gerne auch mal Risiken eingeht und nicht davor scheut, neue Dinge auszuprobieren. Eine Eigenschaft, die im Arbeitsleben sicherlich nicht ganz unwichtig ist.

Womit ich auch immer etwas kämpfen musste, wenn ich keinen festen Job in Aussicht hatte, war die Rückkehr ins „Nichtstun“. Denn Arbeitslosigkeit bringt immer einen gewissen Umfang an Freizeit mit sich, wenn man nicht gerade mit der Jobsuche beschäftigt ist. Gerade dann, wenn die letzte Reise sehr ereignisreich war und man lieber noch etwas länger fortgeblieben wäre, ist die Rückkehr in die Heimat oft eine große Umstellung. In der ersten Woche ist noch alles aufregend, doch dann kehrt die Normalität zurück und man fragt sich „Hab ich eigentlich irgendwas verpasst während meiner Abwesenheit?“ Und plötzlich beschleicht einen das Gefühl, nie weg gewesen zu sein.

Welche Veränderungen haben deine Auszeiten in deinem Leben bewirkt?

Es klingt immer sehr abgedroschen, aber für mich ist es einer der wichtigsten Punkte überhaupt: Sie haben meinen persönlichen Horizont erweitert.

Ich glaube, das kommt automatisch. Z.B. wenn man Länder bereist, in denen die Menschen nicht so viel haben, wie wir in Europa, das Leben dort aber nicht unbedingt ein schlechteres sein muss. Oder wenn man erkennt, dass Reichtum oder Armut nicht unbedingt Einfluss auf Gastfreundschaft oder Glücksniveau der Menschen haben.

Aber ich habe auch gesehen, dass Armut auch viel Leid mit sich bringt. Da begreift man, wie gut Deutschland in vielen Dingen organisiert ist und dass wir in unserem Sozialstaat Dinge selbstverständlich hinnehmen, die für weit über 50% der Weltbevölkerung überhaupt nicht selbstverständlich sind.

Ich glaube, dass ich nach meinen Auszeit Erfahrungen manche Dinge eher wertschätzen kann als Menschen, die nie eine andere Lebensart als die eigene kennengelernt haben.

Was sind deine 3 unschlagbaren Argumente für eine Auszeit?

1. Nichts lässt einen so über den eigenen Tellerrand hinausschauen wie eine Reise in Länder, die anders funktionieren, riechen, schmecken und aussehen als das eigene Land. Gleichzeitig lernt man, Dinge im eigenen Land wieder wertzuschätzen.

2. Wenn man ab und zu aus dem persönlichen Hamsterrad und dem eigenen Alltag ausbricht, dann sammelt man automatisch wieder mehr Energie für zukünftige Herausforderungen, seien es persönliche oder auch berufliche.

3. Man sammelt Erfahrungen und Eindrücke, die einem niemand mehr nehmen kann, und von denen man persönlich noch lange Zeit zehrt.

Gleichzeit möchte ich jedoch auch eine kleine „Warnung“ aussprechen: Wer einmal mit Auszeit und Reisen anfängt und sieht, wie schön die Welt jenseits des Büros ist, der kann schlecht wieder damit aufhören. 🙂 Seid also darauf vorbereitet, dass der Wunsch nach Auszeit und Reisen immer wieder kommen wird!

Liebe Corinna, danke für den spannenden Einblick!

Willst du mehr über Corinna erfahren? Auf kiwilandexpress berichtet sie über ihre Zeit in Neuseeland.

Arbeit und Sabbatical im Wechsel – 7 Fragen an Auszeitlerin Corinna

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