Karriereknick

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich gefragt worden bin, ob eine berufliche Auszeit – ob in Form von Kündigung, Sabbatical, oder Elternzeit – denn keinen Karriereknick bedeutet.

Die meisten, die von einer Auszeit träumen, fürchten neben den finanziellen Einbußen insbesondere, die Tür zur Arbeitswelt für immer hinter sich zuzuziehen oder nach ihrer Rückkehr ins Unternehmen auf der Karriereleiter nicht weiter hoch zu kommen. Wenn nicht gar degradiert zu werden.

Inzwischen bin ich selbst Auszeitlerin und habe einige Menschen kennengelernt, die (für eine Zeit lang) ebenfalls aus dem Zeit-gegen-Geld Käfig ausgebrochen sind. Zudem kenne ich als Personalerin die Sicht der Arbeitgeberseite.

Daher kann ich dir mit bestem Wissen und Gewissen zusichern, dass eine Auszeit nicht zwangsläufig einen Karriereknick nach sich zieht.

Folgende Fakten bestätigen diese Gewissheit:

1. Auszeit als Station im Lebenslauf: Eher normal als exotisch.

Auch wenn du im direkten Umfeld oder Kollegenkreis niemanden kennst, der es schon getan hat, versichere ich dir, dass die (freiwillige) Lücke im Lebenslauf inzwischen eher zur Norm als zur Ausnahme geworden ist.

Der Manager, der sich drei Monate hat freistellen lassen. Für das Yoga Teacher Training auf Bali. Oder den Tauchkurs in Thailand.

Die top ausgebildete Akademikerin, die sich statt für die Gehaltserhöhung dafür entscheidet, noch einmal auf die Uni zu gehen und etwas völlig Neues zu studieren.

Der Banker, der ein halbes Jahr in Elternzeit geht.

Wir alle haben diese Geschichten schon gehört oder gelesen. Kein (fähiger) Personaler dieser Welt wird noch auf „Auszeiten“ im Lebenslauf lange herumreiten. Im Gegenteil, er wird sich vielmehr für deine persönlichen Motive interessieren. Und dafür, wie du diese Zeit gestaltet hast. Vor allem aber relevant ist für Personaler, was du in dieser Zeit gelernt und wie du dich entwickelt hast. All das natürlich immer im Hinblick auf die Position, die du anstrebst.

Solltest du hingegen auf Personaler stoßen, die die „Lücke“ in deinem Lebenslauf verschmähen, solltest du die Beine in die Hand nehmen und das Weite suchen. Ein solcher Laden riecht nach Engstirnigkeit. Und wer möchte in einem solchen Umfeld schon arbeiten?!

Ein gutes Beispiel dafür, dass dich berufliche Auszeiten für Arbeitgeber attraktiv machen, ist meine Freundin Corinna. In diesem Interview kannst du nachlesen, wie sie es nach vier Ausbrüchen aus der Arbeitswelt immer wieder zurück geschafft hat.

2. Kompetenzentwicklung findet auch fernab des Büros statt.

Sabbatical

Ganz gleich, was deine Gründe für eine berufliche Auszeit sein mögen. Eines ist gewiss: Du wirst dabei immer deinen persönlichen und / oder beruflichen Horizont erweitern.

Du hast vor, um die Welt zu reisen? Du wirst mit erweiterten Sprachkenntnissen sowie einem tieferen Verständnis für interkulturelle Unterschiede zurück kehren.

Du engagierst dich sozial in einem Projekt in Afrika? Soziales Engagement fördert deine zwischenmenschlichen und kommunikativen Fähigkeiten. Vielleicht auch deine Geduld und dein Durchhaltevermögen.

Du hast vor, dein zu Hause zu renovieren oder dich gar am Bau deines Hauses zu beteiligen? Ziehe Parallelen zum Projektmangement und du wirst erkennen, dass es große Schnittmengen zwischen privaten Projekten und Projekten am Arbeitsplatz gibt.

Führungskräfte und Personaler lieben solche Eigenschaften! Vor allem, wenn du diese in der Vergangenheit tatsächlich unter Beweis gestellt hast.

Egal, was du angehst, egal wie du deine Auszeit gestaltest: tue es achtsam. Und beschäftige dich intesiv mit dir selbst. Denn dann wirst du als Persönlichkeit wachsen und deinen Horizont erweitern.

Wenn du mit diesem gestärkten Selbstbewusstsein an deinen alten Arbeitsplatz zurückkehrst bzw. in Vorstellungsgespräche gehst, wird deine Ausstrahlung eine ganz andere sein. Und das hat immer starke Wirkungen. Denn Menschen, die an sich glauben, überzeugen auch andere und erreichen ihre Ziele!

3. Glückliche Kühe geben mehr Milch.

Warum ein Sabbatical kein Karriereknick ist

(Moderne) Unternehmen reagieren längst auf den Trend zu mehr Selbstbestimmung, Freiheit und Flexibilität. Kein Arbeitgeber dieser Welt erwartet noch ernsthaft, dass ein Mitarbeiter 40 Jahre lang, 40 Stunden die Woche, ohne Unterbrechung, brav antrabt. Im Gegenteil. Das Lebensgefühl und die Prioritäten der Generationen Y und Z etablieren sich immer stärker in den Firmen. Das Bestreben nach Selbstverwirklichung und mehr Flexibilität ist allseits bekannt. Und die Firmen sind sich darüber bewusst, dass sie auf dieses veränderte Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer reagieren müssen. Indem sie sich attraktiver darstellen und den Wünschen der Kandidaten und Mitarbeiter bestmöglich entgegenkommen.

Für Arbeitgeber gilt die Devise: Glückliche Kühe geben mehr Milch. Dein Unternehmen ist sich darüber im Klaren, dass beide Seiten von einem Sabbatical profitieren. Denn du wirst mit erhöhter Motivation zurückkehren, was sich erheblich auf deine Arbeitshaltung und deine Ergebnisse auswirkt. Wie du deinen Chef garantiert vom Sabbatical überzeugst kannst du in diesem Artikel nachlesen.

Solltest du in einem Unternehmen arbeiten, in dem dies anders gesehen wird, kann ich dir aus eigener Erfahrung nur raten, den Job zu kündigen und Ausschau nach einem Arbeitgeber zu halten, der im 21. Jahrhundert angekommen ist.

4. Tust du immer nur das, was du bereits kannst, wirst du auch immer nur das bleiben, was du bereits bist.

Willst du dich als Persönlichkeit weiterentwickeln, musst du dich neuen Herausforderungen stellen. Kompetente Vorgesetzte und Personaler wissen das.

Du beweist Mut, wenn du dein Sabbatical dafür nutzt, alleine durch Südamerika zu reisen und spanisch zu lernen.

Oder wenn du deinen Job kündigst, um dich auf die Suche nach einem für dich besseren Lebens- und Arbeitsentwurf zu machen.

Oder wenn du einen sicheren, gut bezahlten Posten kündigst, um noch einmal auf die Uni zu gehen.

Gleichzeitig stellst du die Bereitschaft, Risiken einzugehen unter Beweis, aber auch die Fähigkeit, flexibel auf unbekannte Situationen reagieren zu können. Denn hättest du kein entsprechendes Selbstbewusstsein, würdest du das vertraute Nest schließlich nicht verlassen. Und das ist eine Eigenschaft, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist.

5. Die Lücke im Lebenslauf kann zum Alleinstellungsmerkmal werden und dich von der Masse abheben.

Lücke im Lebenslauf

Dein Arbeitgeber kommt deinem Wunsch nach einem mehrmonatigen Sabbatical nicht nach? Du kannst dich mit dem Unternehmen, in dem du arbeitest und den Aufgaben, die du hast, nicht mehr identifizieren und sehnst dich nach einer grundlegenden Veränderung in deinem Leben? Dann hast du sicher bereits mit dem Gedanken gespielt, das Ufer (erst einmal) gänzlich zu verlassen und deinen Job zu kündigen. Aber dieser Schritt macht dir Angst. Der Gedanke an Kündigung verunsichert dich.

Ich kann dich beruhigen. Denn damit bist du nicht alleine!

Den meisten Menschen, insbesondere in Deutschland, graut es alleine vor dem Wort Kündigung. Denn die Gesellschaft definiert dich über deine Stellenbeschreibung. Sag mir was du arbeitest, und ich sage dir, wer du bist! Die Konsequenz ist, dass du dir ohne Job und abseits des Hamsterrads wertlos vorkommst. Die feste Arbeitsstelle und das kollegiale Umfeld geben dir deinen Platz und Orientierung innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges. Und mag deine Arbeitssituation noch so frustrierend sein.

Daher fürchtest du auch die berühmt berüchtigte Lücke in deinem Lebenslauf. Denn du denkst, diese Lücke ist etwas, dessen du dich schämen musst. Etwas, das du rechtfertigen musst – vor anderen und vor dir selbst.

Aber das ist absoluter Unsinn!

Die meisten Lebensläufe, die ich als Personalerin in der Hand hatte, waren todeslangweilig.

Lückenlos. Gleich. Ohne Individualität.

Alle haben sie studiert, alle waren sie im Ausland. Eine „echte“ Lücke – und damit meine ich nicht den Punkt „Work and travel Australien“ oder „4 Monate Rucksackreise durch Süd-Ost-Asien“ – war bei der ein oder anderen Bewerbung ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn sich der Bewerber dann im Gespräch auch noch plausibel, authentisch und kompetent dargestellt hat, war er ganz schnell in der engeren Auswahl. Eher als das Prinzesschen, dem Karriere und der lückenlose, vermeintlich schillernde Lebenslauf in die Wiege gelegt worden sind.

Noch einmal auf den Punkt gebracht

Wenn du die Lücke im Lebenslauf fürchtest und dich von der Angst, deiner Karriere einen Knick zu verleihen, von einer beruflichen Auszeit abhalten lässt, mache dir folgende Tatsachen immer wieder bewusst:

  • Du bist mit einem Sabbatical oder einem „Schlenker“ im Lebenslauf längst kein Exot mehr auf dem Bewerbermarkt!
  • (Fähige) Personaler wissen, dass Kompetenzentwicklung nicht ausschließlich am Arbeitsplatz oder bei Seminaren stattfindet.
  • Moderene Unternehmen verstehen es, ihre Mitarbeiter zu motivieren und zu binden. Auszeiten sind ein Teil der Strategie.
  • Risikobereitschaft, Selbstbewusstsein und Flexibilität im Denken und Handeln werden von (guten) Arbeitgebern geschätzt. Beispiele aus dem „echten“ Leben sind dabei oftmals schillernder als Beispiele aus dem Büroalltag.
  • Die Lücke im Lebenslauf kann zum Alleinstellungsmerkmal werden. Vorausgesetzt, du verstehst es, sie überzeugend, authentisch und plausibel darzustellen.

Natürlich kommt es mitunter stark auf den Laden an, in dem du arbeitest bzw. bei dem du dich bewirbst. In einer kleinen Klitsche mit engstirnigen, konservativen Mitarbeitern, wo die einstige Assistentin sich plötzlich, nach etlichen Jahren Betriebszugehörigkeit, HR Advisor schimpfen darf, wirst du auf Skepsis treffen, wenn du nur zwei Wochen Lücke im Lebenslauf hast. Vielleicht wirst du deshalb nicht einmal eingeladen.

Aber Hand auf´s Herz: möchtest du Teil eines solchen Unternehmens sein? Nein, möchtest du nicht wirklich. Du weißt, was du kannst und wer du bist. Du weißt, dass du die Wahl hast. Und du weißt, was du gewiss nicht (mehr) nötig hast.

Moderne Unternehmen und fähige Personaler werden dir die richtigen Fragen zu stellen wissen. Hast du einen Menschen vor dir sitzen, der selbst viel erlebt und gesehen hat, der selbstbewusst ist und Ahnung davon hat, wie die Welt funktioniert und was die Trends der Zukunft sind, dann wird die Lücke eine einfache Station in deiner Laufbahn sein. Nicht mehr und nicht weniger.

Bist du noch immer kritisch? Teile mir deine Bedenken mit!

Warum ein Sabbatical kein Karriereknick ist

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